Eines Tages erzählte mir meine Schwester von einem Gespräch, in dem meine Mutter sich abwertend über mich geäußert hatte. Zunächst reagierte ich mit einer inneren Erstarrung. Ich versuchte, das Geschehene rational zu erklären: „Das ist typisch für sie. Warum überrascht mich das überhaupt noch?“ Doch später wurden Wut und Gedankenkreisen immer stärker. Ich lag nachts wach und führte heftige innere Dialoge. Ich war zutiefst gekränkt und mich wieder in meine Kindheit versetzt.
Aber warum reagieren wir manchmal so stark, obwohl wir uns längst vorgenommen haben, bestimmte Worte nicht mehr so nah an uns heranzulassen?
Kränkungen treffen häufig unsere wunden Punkte. Zurückweisung, Entwertung, Kritik oder Missachtung können alte Verletzungen aus der Kindheit wieder lebendig werden lassen. Besonders wenn unser Selbstwertgefühl empfindlich oder geschwächt ist, beziehen wir Aussagen oder Gesten anderer schnell auf uns.
Hinter der Wut liegen dabei oft ganz andere Gefühle wie,Schmerz, Enttäuschung, Angst, Ohnmacht oder Selbstzweifel. Wut kann uns kurzfristig das Gefühl geben, wieder stärker und handlungsfähig zu sein, doch ist das nur von kurzer Dauer.
Auch selbstbewusste Menschen kennen solche wunden Punkte. Niemand ist vollkommen unempfindlich gegenüber Kränkungen, besonders wenn sie z.B.aus der Familie oder vom Ehepartner kommen.
Wir können wahrscheinlich nicht verhindern, irgendwann wieder verletzt oder gekränkt zu werden. Aber wir können lernen, unsere Reaktionen besser zu verstehen.
1. Innehalten: Was genau hat mich verletzt? Welches Gefühl steckt hinter meiner Wut?
2. Prüfen: Hat die Aussage tatsächlich etwas mit mir zu tun oder falle ich in meine Kindheit zurück?
3. Alte Verletzungen erkennen: Berührt die aktuelle Situation einen wunden Punkt aus meiner Vergangenheit?
4. Abstand gewinnen: Nicht jede Meinung, Kritik oder Abwertung eines anderen Menschen muss zu meiner eigenen Wahrheit werden.
Kränkung gehört zum Menschsein. Entscheidend ist nicht, ob wir jemals wieder verletzt werden, sondern ob wir unsere Verletzungen annehmen und integrieren können, denn so können wir sie heilen und uns nicht mehr so heftig aktivieren.